Jochen ist 11 Jahre alt und ein wirklich hübscher dunkelhaariger Junge. Er geht in die sechste Klasse. Seine Familie hat gerade soviel Geld um die hungrigen Münder zu füllen und die Miete plus Nebenkosten zu bezahlen. Dafür geht die Mutter putzen und der Vater, als gelernter Ingenieur für 415 Euro im Monat, Zeitungen austragen. Klassenfahrten, neues Schulmaterial, Spiele oder Urlaub - das alles ist schon seit langem Geschichte und würde jeglichen Budgetrahmen sprengen

Jochens größter Wunsch ist eine Markenjeans, die mit dem roten Etikett „Levis“, doch der absolute Höhepunkt wären Turnschuhe der Marke „Puma“. Doch davon träumt er schon seit zwei Jahren und fünf Monaten vergeblich. Jochen meint, dass er damit vielleicht nicht mehr so ausgeschlossen wäre und er seinen Status als Klassen- Looser ablegen könnte.

All seine Mitschüler tragen stylische Designerkleidung und kaufen sich in den Pausen regelmäßig etwas am Schulkiosk. Jochen hingegen verzehrt die belegten Brote, die ihm seine Mutter gemacht hat und trinkt aus der alten, aufgefüllten Fanta-Plastikflasche seine Limo. „Wie uncool!“

Fast jeden Tag bekommt er die Gespräche und das Getuschel seiner Mitschüler zu hören und spüren, die Ihn schmerzlich daran erinnern, wie anders er anscheinend ist.

Schon schlimm genug, dass Jochen der Einzige ist, der bei keiner Klassenfahrt teilnehmen kann, nein, er muss auch noch jener sein, der in der Schule als „Altkleider- Container -Dieb“ bezeichnet wird.

Zurückhaltend und ganz leise hört man Jochen die Frage stellen: “Warum können nicht alle die selbe Kleidung in den Schulen tragen, dann würde es vielleicht keiner bemerken, dass wir nicht so viel Geld besitzen.

So hätte ich vielleicht endlich die Chance ein paar Freundschaften mit Mitschülern zu schließen, die mich meiner selbst Willen mögen und nicht weil ich Polo Ralph Lauren auf meinen Shirt stehen habe!“

Doch eines ist sicher: Wie Jochen geht es täglich tausenden von Kindern und Jugendlichen.

Typische Argumente, die heute für die Schuluniform eingebracht werden, sind die Verbundenheit der Kinder und Jugendliche mit ihrer Schule und die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der Schüler untereinander. Weiterhin wird erwähnt, dass der zum Teil recht aggressiv (Schlägereien, Diebstahl, Mobbing) geführte Konkurrenzkampf um besondere Kleidung verschiedener Cliquen und der damit verbundene Gruppendruck unterbunden werden könne. Befürworter der Schuluniform argumentieren weiter, Uniformen förderten den Ausdruck charakterlicher Individualität, die sich eben nicht auf äußerliche Repräsentationsformen wie teure Markenkleidung beschränke. Auch der Unterschied zwischen Arm und Reich sei anhand der Kleidung nicht mehr sofort ablesbar und falle damit als gruppenkommunikative Dimension unter den Tisch. Weiterhin solle eine einheitliche Kleidung die Integration von Immigrantenkindern fördern.

Das größte Land in Europa, in dem Schuluniformen getragen werden, ist Großbritannien. In vielen seiner ehemaligen Kolonien wie z. B. Indien, Irland, Australien, Singapur, Hong Kong, Neuseeland, Zypern oder Südafrika wurden sie auch nach der Unabhängigkeit nicht abgeschafft. Schuluniformen gibt es ebenfalls in Japan, Vietnam und Korea. Russland beseitigte die Einheitskleidung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

In Kuba gibt es in allen Schulen und Universitäten Uniformen, die außer in der Grundschule nur zu besonderen Anlässen, wie dem Kursbeginn, getragen werden.

In den USA und Kanada gibt es keine Einheitskleidung in staatlichen, aber in vielen privaten Schulen. An sehr vielen staatlichen Bildungsstätten in den USA gilt jedoch seit dem Ende der 90er Jahre ein teilweise stark umstrittener Dress-Code. Danach dürfen keine Kleidungsstücke mit Aufschriften, oft nur in bestimmten Farben, z. T. keine Turnschuhe usw. getragen werden. Als Ergänzung gibt es strikte Regeln zu Haartracht und Schmuck.

In Deutschland wird das Thema immer wieder diskutiert und getestet. Einige wenige staatliche Schulen haben einheitliche Kleidung eingeführt. Schulkleidung ist hier nicht Schuluniform, denn die Schüler dürfen mitbestimmen und aus einer Kollektion aussuchen, was sie tragen wollen.

Eine neue Generation von Uniformierungen ist in Basel (Schweiz) an der Sekundarstufe (WBS Leonhard) anzutreffen. Diese Kleidung entspricht formell dem Gedanken der Uniformierung, sind jedoch optisch sehr stark an die Bedürfnisse von jungen Menschen angepasst. Bei der Kreation von Tanja Klein waren die beiden Versuchsklassen stark einbezogen und das Projekt wird auf Anstoß von einer Budgetberatungsstelle angegangen.

Der Vorschlag von Justizministerin Brigitte Zypries Schuluniformen einzuführen, ist bei prominenten Unionspolitikern auf Zustimmung gestoßen. “Ich halte das für eine gute Idee”, sagte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber in München. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan äußerte sich zustimmend. Stoiber und Schavan wollen die Schüler jedoch nicht zwingen Einheitskleidung zu tragen. “Die Schulen müssen die Möglichkeit haben, selbst über Einführung von Schuluniformen zu entscheiden”, betonte der CSUVorsitzende

Auch die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Katherina Reiche, unterstützt den Vorschlag von Zypries: “Eine einheitliche Schulkleidung nimmt den sozialen Druck raus. Sie dämpft den Marken-Fetischismus, der schon in der ersten Klasse beginnt“.

Während es in vielen Ländern ohne Beanstandungen funktioniert, scheint die Bundesrepublik in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland zu sein!