Was assoziieren Sie mit dem Begriff “Tokio Hotel”? Vom Weinkrampf gebeutelte Teenager, die sich mit Farbstiften die Namen Ihrer Lieblinge auf die Stirn malen? Ich habe mal einen Tag damit verbracht herauszufinden, was hinter diesem neuen Phänomen steckt. Es ist äußerst amüsant mit zu verfolgen, wie sich Fans und Gegner im Internet bekriegen.

Doch wer sind Tokio Hotel? Zunächst könnte man sagen, die Zwillinge Bill und Tom. Dann wären da noch Gustav und Georg. Laut PR-Info trafen sie sich erstmals 2001 und gründeten Tokio Hotel. Nur ein halbes Jahr später spielten sie in vielen Clubs im Raum Magdeburg erste Konzerte. Es dauerte nicht lange, bis die Musikindustrie auf die Band aufmerksam wurde…. Eine Geschichte die gerne so von Zeitungen übernommen wird. Eine Geschichte, die aber nur Teil der Wahrheit ist.

Tokio Hotel ist letztlich nichts anderes als ein perfekt designtes Plastik-Produkt für eine spitze, aber klare Zielgruppe. Was denkt sich eine Plattenfirma, wenn sie sich die Single-Charts der letzten Monate ansieht?

Hits wie Schnappi, Chipz usw. werden in Deutschland nicht mehr von MTV und VIVA gemacht. Nein, der neue Liebling heißt Super RTL, denn die Single Charts werden immer mehr von den 10 – 15 jährigen „Superstars“ dominiert.

Warum? Da kann man nur mutmaßen. Womöglich, weil sie es noch nicht verstehen, sich Ihre Lieblingsmusik zu brennen oder gar aus dem Internet zu besorgen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass sie die Einzigen sind, die ihren Stars und Sternchen noch richtig verfallen. Also, was denkt sich eine Plattenfirma angesichts einer solchen Entwicklung?

Klar, „Das brauchen wir auch!“. Aber vielleicht war es gar nicht die böse und gemeine Plattenfirma, sondern ein fieses Produzententeam, das laut PR Songwriter Bill nur unterstützt. Doch wer sind diese Produzenten? Menschen, die sich schon mit Produktionen wie „Der kleine Eisbär“ – Soundtrack oder „Star Search – The Kids“ eine „Goldene Nase“ verdienen wollten, es aber nicht wirklich schafften. Sie komponierten u. a. für Patrick Nuo und Marlon. Einer von ihnen ist auch bekannt als Sänger und Songwriter der Boyband Bed & Breakfast (David Jost). Allesamt gewiefte Herren also, die wissen sollten, wie das Geschäft funktioniert.

Für das Erreichen eines neuen Levels ihrer Karriere, der Eroberung des jungen Musikmarktes, überlegten sie sich einen Nummer 1 Hit. Deutsch sollten die Texte sein, da deutsche Bands wie Juli gerade “IN” sind und die Zielgruppe der 10 – 15 jährigen eh nicht so gut englisch spricht. Die Band sollte jedoch cooler sein als alle bisherigen Plastik-Acts. Keine schmierige Boyband, sondern Typen mit Ecken und Kanten, sodass sich auch Jungs nicht schämen müssen, wenn sie etwas mit der Band anfangen könnten.

Zu eckig und kantig dann aber auch wieder nicht, musikalisch sollte es eher in die Poprichtung gehen, sonst verschreckt es die kleinen potenziellen Käufer. Die Texte sollten von Sehnsüchten, der ersten Liebe und etwas Weltschmerz handeln.

Perfekt für den Anfang der Pubertät.

Der HitDurch den Monsun“ war fertig. Ob zum Zeitpunkt des Songwritings schon eine passende Band existiert hat, oder man erst eine suchen musste, kann man nicht sagen. Man wollte beim Projekt „Tokio Hotel“ jedoch einiges anders machen. Keine durch Castings zusammengewürfelte Pseudo-Band sondern echte Musiker, das strahlt Authentizität und Ehrlichkeit aus. Außerdem sehen die Musiker bei potenziellen Auftritten nicht so peinlich aus. Bill kannte man schon. Schließlich war er einst in der Sat.1 Casting Show „Star Search“ mit einem „It’s raining men“ – Cover (welch Realsatire!) durchgefallen.

Irgendwie hat man mitgekriegt, das Kaulitz (Nachname der Zwillinge) seit 2002 eine Band namens Devilish betreiben, mit der sie im Raum Magdeburg bereits einige Auftritte absolvierten.

Die Zwillinge machen schon lange Musik, haben einen Stiefvater, der angeblich auch Musiker ist.

Er hat uns immer Mut gemacht“ so Bill in einem Interview.

Devilish? Das ist doch kein Name für kleine Mädchen. Und die Jungs sehen auch viel zu zahm und ungewöhnlich aus. Zwar hat der eine Dreads, aber insgesamt muss man die noch aufmöbeln. So gab man ihnen Lederklamotten, verpasste ihnen rockige Frisuren und kaufte ihnen T-Shirts, die so aussehen, als könnten sie Rockstars tragen. Der Frontmann -junge sollte das Meisterstück der Produzenten und Marketingleute werden. Eine Priese Gothic, ein bisschen Rock, sowie Gesicht und Frisur eines Manga- oder Anime – Charakters. Dazu der Name Tokio Hotel passend zu den erfolgreichen japanischen Comics.

Das sich die Jungen den Namen nicht selbst ausgesucht haben, kann man wohl an den sympathisch-naiven Erklärungsversuchen des Sängers erkennen:

Hotel – weil wir viel unterwegs sind und deshalb oft in Hotels übernachten, und Tokio steht für unseren Wunsch, viele Länder zu sehen, herumzureisen und eine Menge zu erleben.

Projekt „Tokio Hotel“ war vollendet.

Nun half nur noch Daumen drücken. Doch dank der perfekten Marktanalyse konnte eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Und so stieg “durch den Monsun” auf Platz 1 der Charts ein und Deutschland war um eine nervende Nummer reicher. (Ob wir wollten oder nicht, tut nichts zur Sache)