Haben Sie mal darüber nachgedacht, wie Sie Ihr Leben ändern würden im Falle eines dicken Lottogewinns? Wir reden hier nicht von einem Fünfer mit Zusatzzahl, sondern einem enormen Gewinn, Sechser mit Superzahl und Riesenjackpot, sagen wir: insgesamt 17 Millionen Euro?

Die Frage nach den neuen Chance, die so viel Geld eröffnet, ist die Frage nach Ihrer kompletten Existenz. Ihre wichtigste Antwort ist die auf die Frage, on Sie weiter arbeiten würden, ob Sie genau dem Job, den Sie seit Jahren machen, auch in Zukunft nachgehen wollen. Und wenn Ihre Antwort lauten sollte: “Ja, genau, ich kaufe mir ein größeres Haus und ein schnelleres Auto, ich schenke meinem Kindern eine Ausbildungsversicherung und meiner Frau einen Brilliantring, aber sonst soll mein Leben in den gewohnten Bahnen verlaufen.” – dann sind Sie einglücklicher Mensch. Bei allen anderen wird das anders sein. Alle anderen werden dem ostdeutschen Dramatiker Heiner Müller recht geben, der gesagt hat: “Geld ist immer gut. Geld gibt Freiheit.”

Ja, so ist es, das Vorhandensein von Geld eröffnet zwischen Las Vegas und Bayreuth, zwischen der Suite im Waldorf Astoria und der Loge in der Scala ungeahnte Möglichkeiten der Erfahrungsbereicherung. Geldmangel dagegen schränkt die Dimensionen des Darseins auf Enge, Gereiztheit und Verdruss ein. Vor allem begrenzt die Abwesenheit von Geld die Protestfähigkeit. Weshalb der geniale Regisseur Billy Wilder auch empfahl, jedermann solle “Fuck you money” auf der hohen Kante haben: Nur mit der entsprechenden Barschaft ist man nämlich in der Lage, dem Chef die Sachen hinzuschmeißen. Gut. Dieser rat trifft auf Normalos wie Sie und mich zu. Für Genies gelten andere Regeln und Gesetze. Den exzentrischen Schauspieler Klaus Kinski und den romantischen Dichter Ludwig Tieck zum Beispiel verband eine Eigenschaft: Beide konnten nicht mit Geld umgehen. Was sie gemeinsam haben mit so unterschiedlichen Naturen wie Richard Wagner, Rolf Zacher, oder Rainer Maria Rilke. Und mit schätzungsweise 30 Prozent der Deutschen, die sich Autos, Einbauküchen oder Penthouse – Wohnungen leisten, die sie sich nicht leisten können. Kommt Ihnen bekannt vor? Bitte sehr. Vielleicht nehmen Sie jetzt hier etwas mit für Ihr Leben.

Geld ist immer gut. Geld gibt Freiheit.” Heinz Müller, ostdeutscher Dramatiker

Zum Beispiel können Sie die erste Lektion von einem Genie wie Richard Wagner lernen. Sie lautet: “Sorge dich nicht, mache Schulden!

Nach dieser Devise nämlich lebte er. Wolf Schneider hat ihn den “tückischsten Schnorrer der Kulturgeschichte” genannt, der den schwärmerischen Bayernkönig Ludwig II. erbarmungslos ausnahm. Zuvor aber war er sein halbes Leben lang auf der Flucht vor Gläubigern gewesen – von Königsberg nach Riga, von dort nach London. Während Sie und ich aber wahrscheinlich bei der Überfahrt vor Furcht gezittert hätten, ließ sich das Genie von den Geräuschen des Meeres zum Motiv seines “Fliegende Holländers” inspirieren.

Ich bin Klasse. Wer mir etwas schenkt tut nur seine Pflicht! Lebensphilosophie von Rainer Maria Rilke

Und noch etwas anderes unterscheidet Richard Wagner wahrscheinlich von uns Normalexistenzen. Er empfand Menschen, die ihm Geld liehen, ihn förderten, ihm Gutes taten, als selbstverständlich.

Womit wir bei der Lektion Nummer zwei wären: “Du bist klasse. Wer Dir etwas schenkt, tut nur seine Pflicht.” So sah es wohl auch Rainer Maria Rilke. Der begnadete Dichter konnte sich in seinem Leben nicht von den Tantiemen seiner literarischen Arbeit ernähren, er war angewiesen auf eine Rente seiner Mutter, auf Geldgeschenke von Verehrern, die der weltfremde Literat ohne erkennbares Ungefühl entgegennahm. Für ihn spricht freilich, dass er von diesen Zuwendungen anderen, noch ärmeren Zeitgenossen etwas abgab.

Vielleicht war es auch einfach nur so, dass Rilke für so äußerliche Phänomene wie Geld das Gleich empfand wie sein Dichtervorfahr Ludwig Tieck. Aus dessen Verhalten destillieren wir Regel Nummer drei: “Geld ist kein Thema.”

Indem wir ignorieren, was andere belastet, indem wir mit einem Schulterzucken einen wortlosen Kommentar über alles sprechen, das andere sofort zum erregten Schnattern veranlasst, schaffen wir damit ein Problem aus der Welt.

Tieck benahm sich so, als wäre Geld kein Problem, er ignorierte dessen Bedeutung. Konkret bedeutete das, er lebte über seine Verhältnisse, er pumpte sich Geld von allen, die ihm über den Weg liefen, er verkaufte ungeschriebene Manuskripte gleich an mehrere Verleger.

Er bezog im Wirtshaus mit seiner gesamten Entourage mehrere Zimmer, er speiste und trank aufs Beste, hielt sich zahllose Domestiken – bezahlte keinen Cent und kam am Ende immer damit durch, halb sympathischer Bonvivant, halb asozialer Zechpreller.

Und das bringt uns schon zur vierten Lektion, der des verschärften Kampfes um Knete: “Sei skrupellos.” Diese Lektion lernen Sie vielleicht am besten vom bekannten Schauspieler Rolf Zacher.

Da er früher rauschgiftsüchtig war, musste er täglich an viel Geld für seinen Stoff kommen: “Ich brauchte Stoff für 300 Mark am Tag, und das neun Jahre lang.” Stolz und Scham sind abgemeldet, wenn, wie Zacher im Interview mit dem “Stern” sagt. “die Suchtglocken in deinem Körper bimmeln”.

Doch seine Skrupellosigkeit verbindet er mit geschicktem Einfallsreichtum: “Ich guckte in der Lokalzeitung nach, in welchen Hotels die ganzen Promis wohnten, dich ich kannte. Bei denen bin ich dann regelmäßig um einen Schein vorstellig geworden. Was sollten Sie auch sagen, denen war ja schon das Gespräch peinlich.”

In eine kaum weniger schlimme Abhängigkeit begibt sich der Spielsüchtige. Fjodor Michailowitsch Dostojewski hat ihn nicht nur eindrucksvoll beschrieben – er selbst war von dieser Sucht besessen.

Von 1862 bis 1865 bereiste er Europa und verspielte an den Roulettetischen von Wiesbaden, Baden-Baden und Bad Homburg hohe Summen. Als er zwei Jahre später vor seinen Gläubigern nach Europa floh, ergab er sich abermals dem Spiel, trotz hoher Gewinne erhob er sich meist erst vom Tisch, wenn alles fort war. Und wenn es nicht reichte, setzte er stundenlang auch kleine Summen, etwa vom Verkauf eines Kleides seiner Frau.

Während Sie und ich am Ende solcher Glücksspielradikalität wahrscheinlich nur noch ein Häufchen Elend gewesen wären, machte Dostojewski etwas Produktives daraus. In nur 26 Tagen diktierte er seinen Roman “Der Spieler” hinunter, der die Zeiten überdauert hat. Nicht jeder, der sich solcher Sucht ergab oder bei einer Glückssträhne mit dem Geld um sich warf, war so produktiv. Womit wir zu unserer fünften Lektion kommen: “Achtung, Geld kann abhängig machen!

Als Trainer zum Geldausgeben eignet sich auch der schwedische IKEA-Gründer Ingvar Kamprad, 81. Er ist sicherlich einer der reichsten Männer der Welt, aber er arbeitet noch immer, besucht seine Filialen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, fährt ein gebrauchtes Auto, selbstverständlich einen Volvo und kauft sein Obst nur nachmittags, denn da ist es günstig.

So wie bei Klaus Kinski. Der Mann war ein Schauspielergenie und ist mit seinen Rollen in den Werner-Herzog Filmen wie ” Fitzcarraldo” oder “Aguirre, der Zorn Gottes” bis heute unvergessen, aber er hat sich auch in finanzielle Abhängigkeiten begeben, die ihn in B-Streifen wie “Mein Name ist Karate Jack” auftreten oder den unsäglichen Edgar-Wallace-Streifen der Sechzigerjahre den gruseligen und verdächtigen Hausangestellten geben ließ.

Achtung, Geld kann abhängig machen!

Sein Kumpel Ingo Insterburg erinnert sich: “Mit Geld konnte Kinski überhaupt nicht umgehen, bei den Edgar Wallace-Filmen ließ er sich immer einen üppigen Vorschuss auszahlen, den er dann auf den Kopf haute. Deshalb musste er einen Film nach dem anderen drehen. Er hat sich gern große Autos bestellt. Einen Rover oder einen Zwölfzylinder – Jaguar.”

Und wo wir gerade beim Jaguar sind: Der Sänger Abi Ofarim, der mit seiner Frau Esther in den Sechzigerjahren unfassbar populär war, hat auf dem Höhepunkt von Ruhm und Kontostand mal eben einen Jaguar verschenkt, weil der eine Panne hatte.

Woraus sich sehr gut die Lektion sechs herleiten lässt: “Auch wenn es Geld regnet – bleibe auf dem Teppich.” Die wirklich großen Vermögen sind nicht in Jaguars und Porsches gesteckt worden, sie sind aus einer jahrzehntelangen Kontinuität der Sparsamkeit entstanden oder der einfachen Philosophie Ignatz Bubis`gefolgt, der einmal die goldenen Worte gesprochen hat: “Reich geworden bin ich nicht durchs ausgeben, sondern durchs behalten.” Man kann es auch anders ausdrücken: “Das Geld, das du ausgibst, bringt keine Zinsen.”

Aber darin liegt sicherlich die größte Herausforderung für alle Menschen, die jung und plötzlich zu Geld kommen, vor allem Fußballspieler der Ersten Bundesliga, die sich von heute auf morgen einer Kultur der Geldverschwendung ausgesetzt sehen, in der es ungeheuer wichtig ist, was für eine Uhr man trägt oder welches Auto man fährt. Es wäre gut, würden die vereine diesen jungen Männern ein paar Trainingseinheiten im Geldausgeben spendieren.

Dort könnte dann zum Beispiel der schwedische IKEA-Gründer Ingvar Kamprad, 81, auftreten. Er ist sicherlich einer der reichsten Männer der Welt, aber er arbeitet noch immer, besucht seine Filialen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, fährt einen gebrauchten Volvo und kauft sein Obst nachmittags, da ist es am billigsten.

Gut, das ist vielleicht etwas übertrieben. Geld ist nicht alles, und Geiz ist eine Eigenschaft, die das Leben weniger schön macht. Unbedingt sollte aber, wer zu Wohlstand kommen will, die tröstende Wirkung des Geldes bedenken. Einer, der das wissen muss, ist Heino: “Wenn irgendwo ein Verriss steht, frage ich bei der Bank nach meinem Kontostand. Das bringt die Seele wieder ins Lot.”

Der Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski verspielt von 1862 bis 1865 ein vermögen und schrieb, als er 2 Jahre später vor seinen Gläubigern floh, in nur 26 Tagen in einem Hotelzimmer den zeitlosen Roman “DER SPIELER“!